"Ins Licht gesetzt" vom 23.09.06

Beleuchtet von Ralf Tiemann

Wer Anthony und Joseph Paratore am Dienstag beim Eröffnungskonzert der Internationalen Herbsttage für Musik auf der Bühne des Parktheaters erlebt hat, wird schon bemerkt haben, dass sie kein großes Aufheben um ihre Personen machen. Ihnen eilt ein enormer Ruf als große Künstler ihres Fachs voraus, sie konzertieren durchschnittlich 60 Mal im Jahr meistens an bedeutenden Häusern mit den besten Orchestern und Dirigenten, und die Kritiker überschlagen sich nach wie vor. Doch all das ist nur hörbar. Sichtbar ist es nicht. Es gibt keine Maniriertheiten auf der Bühne und keine Berührungsängste mit dem Publikum nach dem Konzert.

Noch deutlicher als im Konzertsaal wird dieser Zug im persönlichen Gespräch. Man hat es da nicht mit ver-kopften Künstlern zu tun, die sich den ganzen Tag mit ungeheuren Problemen quälen, jede Frage auf die intellektuelle Gold wage legen und das eigene Schaffen über alles stellen. Man hat es eher mit ganz normalen Menschen zu tun, die einfach unheimlich gut Klavier spielen können, die die Musik höher schätzen als sich und denen ihr Beruf auch nach mehr als 30 Jahren noch ungeheuren Spaß macht.

Das ist wohl das Bemerkenswerteste. Denn nach all diesen Jahren auf höchstem Niveau haben sie eigentlich schon alles gesehen, alles erlebt, alles gespielt und haben alle Fragen schon hundert Mal beantwortet. Und dennoch haben auch sie Spaß an dem Gespräch und bringen eine große Begeisterung für Musik, Menschen, und die ganze Welt rüber. „Wir haben immer noch diese Lust zu spielen, zu reisen und freuen uns auf jedes neue Hotelzimmer.“

Dabei sind die Anfänge schon so lange her. Es war 1971, als sie sich als Duo fanden. Nach der gemeinsamen Kindheit in Boston hatt en sie zunächst als Solo-Pianisten Erfahrungen gesammelt - auch auf den Rat des Vaters hin, der selbst Geiger war und im Leben der beiden Brüder eine große Rolle spielt. Noch heute antworten sie auf die Frage, wer denn der Boss in ihrem Duo sei, mit „Papa“. Und der hatte schon früh den Wunsch, dass seine Söhne als Duo Karriere machen sollten. Damit es da aber keine allzu große Konkurrenz in der Familie gab, sollten sie erst einmal solistisch Erfolge feiern, was sie auch schon als Teenager taten.

"Als wir dann als Duo anfingen hatten wir fünf Wünsche", erinnern sie sich heute. Sie wollten einen bedeutenden Preis gewinnen, ein großes Debut spielen, eine CD aufnehmen, die Welt kennen lernen und im Weißen Haus auftreten. Und alle gingen sehr schnell in Erfüllung. 1973 spielten sie ein umjubeltes Debut in New York und 1974 gewannen sie den 1. Preis beim Internationalen ARD-Wettbewerb in München - zwei Ereignisse, die ihre rasante Karriere begründeten. CDs folgten dann eine Menge und ihre Konzertreisen führten sie in alle Erdteile, „was uns wirk lich sehr tolerant für andere Kulturen gemacht hat.“ Der Musikliebhaber Jimmy Carter war es dann, der sie zu sich ins Weiße Haus zu einem privaten Konzert einlud.

Dass all diese Wünsche so schnell in Erfüllung gingen, liegt zum einen an ihrer professionellen Einstellung. Sie vergleichen sich als Musiker mit einem Leistungssportler, der immer topfit bleiben muss. Also treffen sie sich tagtäglich in ihrem Studio in Boston wie in einer Trainingshalle, wo sie fünf Stunden lang gemeinsam üben ohne die Familien, die sie zu Hause stören könnten, ohne Telefon oder andere Ablenkungen. „Musik ist grenzenlos", sagen sie „Man kann jeden Tag daran arbeiten und kommt immer weiter."

Zum anderen liegt es aber auch daran, dass sie sich eben nicht so wichtig nehmen Aus ihren Erzählungen wird immer wieder deutlich, dass sie sich als junge Musiker immer die Ratschläge und Kritikpunkte von erfahrenen Dirigenten zu Herzen genommen haben, dass sie die Komponisten und ihre Sprache immer respektiert haben und über ihre Viruosität gestellt haben, und dass sie sich trotz großer Erfolge immer Unterordnen konnten.

Die Geschichte von Dave Brubeck ist dafür bezeichnend. Den großen Jazz Musiker hatten die Paratores erst 1998 in sehr hohem Alter kennen gelernt Er hatte ihnen damals das Stück „Points on Jazz" gewidmet, was für die beiden eine riesige Ehre war.

Dass es für Brubeck umgekehrt eine noch größere Ehre war, dass so berühmte klassische Musiker ihn als Komponisten ernst nahmen, hatten sie nicht erwartet und beim ersten Treffen mit Erstaunen zur Kenntnis genommen.

Heute, nachdem ihre großen Wünsche in Erfüllung gegangen sind, nachdem sie Familien gegründet haben und sich um ihre Karriere keine Sorgen mehr machen müssen, sind sie an einem Punkt angekommen, an dem sie sich nicht mehr den eigenen, sondern übergeordneten Interessen verpflichtet fühlen. Sie wollen der Musik dienen. „Für klassische Musik braucht man nicht nur Komponisten und Interpreten, sondern vor allem ein Publikum. Es gibt keinen Ersatz für Live-Musik", sprechen sie das wohl größte Problem der Klassik-Szene an. Um junge Leute zu begeistern, geben sie verstärkt Jugend-Konzerte. „Alles wird heute schneller und hektischer, und viele Kinder können sich Musik ohne Maus in der Hand gar nicht mehr vorstellen. Hoffentlich verlieren wir unser Publikum nicht."

Beim morgigen Abschlusskonzert der Herbstage um 11 Uhr im Parktheater spielen Anthony und Joseph Paratore zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Hagen unter der Leitung von Antony Hermus das Konzert für zwei Klaviere und Orchester von Francis Poulenc. Neben dem Hagener Orchester, das Mozarts Ouvertüre zur „Zauberflöte" und die zweite Sinfonie von Brahms im Programm hat. wird das Iserlohner Musikschul-Orchester den „Karneval der Tiere" von Saint-Saëns mit Ralf Stürzinger als Solist spielen.

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